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Worum geht es in „Der versklavte Affe“?

Der Mensch ist unbestreitbar eine außergewöhnliche Spezies: Er ist ein aufrecht gehender Affe, der mittels einer komplexen Lautsprache kommuniziert und dessen Intelligenz die seiner Primatenverwandten noch übertrifft. Er ist (oder besser war) der unangefochtene Herrscher der Welt – der wahre König der Tiere. Aber wir leben nicht das Leben von Königen, weil wir uns eine neue künstliche Umwelt geschaffen haben, in der wir Untertanen sind. 

Je komplizierter Kulturen wurden, desto stärker musste sich das Individuum der Funktionsweise des Systems unterordnen. Denn komplexere Gesellschaften sind zugleich aufwändiger zu betreiben. Sie brachten zwar gewisse Annehmlichkeiten wie höheren Komfort und Sicherheit mit sich, forderten jedoch einen hohen Preis in Form von Unfreiheit, Plackerei und Stress.

Die Unterwerfung des Menschen – auch und gerade in unserer Zeit – ist keine bloße Behauptung. Sie drückt sich deutlich in steigenden Zahlen zu Stresssymptomen wie Burnouts und Depressionen aus. Je komplexer – also je moderner – eine Gesellschaft ist, desto stärker sind die Menschen nachweislich von diesen Problemen betroffen.

Nicht nur der von den meisten gespürte Stress beweist den Verlust von Lebensqualität, auch setzte ein spektakulärer Kurswechsel in der menschlichen Evolution ein, als Kulturen begannen umfangreicher und vielgestaltiger zu werden. Nach Millionen von Jahren der Zunahme des Gehirnvolumens und der Intelligenz kehrte sich dieser Trend schließlich in sein Gegenteil um. Diese Veränderungen sind interessanterweise ebenso bei unseren Haustieren festzustellen.

Wie diese litt auch der Mensch unter den zunehmend unnatürlichen Bedingungen, der Enge und der Unfreiheit in seiner kulturellen Nische. Der Effekt war bei beiden der gleiche: stressresistentere Individuen pflanzten sich erfolgreicher fort. Mit der Zeit wurden Mensch und Tier toleranter gegenüber Stress. Sie wurden zahm. So führte der Stress bei unseren Vorfahren über hunderte oder tausende von Generationen zur Domestikation unserer Spezies. (Diese Tatsache ist in der Wissenschaft heute unbestritten, weil der Mensch eine überwältigende Fülle von Eigenschaften mit den Haustieren teilt, sodass sich die menschliche Domestikation nicht mehr leugnen lässt.)

Unsere außergewöhnliche Lebensweise weist zudem auffällige Parallelen zum Leben von Ameisen im Ameisenstaat auf. Diese Ähnlichkeit haben wir unbewusst verinnerlicht, weshalb wir viele Denkkonzepte nur für Ameisen (und andere staatenbildende Insekten) und eben für uns Menschen sowie unsere Gesellschaften anwenden. Staaten, Arbeiter und Soldaten, ja sogar Landwirtschaft und Haustiere gibt es in der Natur nirgendwo – nur bei Menschen und Insektenstaaten. Dass diese Parallele mehr als nur eine Metapher ist, wird in Der versklavte Affe dargelegt. Es geht um das Niveau, auf dem sich Leben organisiert. Vereinigen sich Ameisen oder Menschen zu einem Staat, entsteht ein System höherer Ordnung. Das Individuum hat darin eine Aufgabe zu erfüllen. Es handelt nicht mehr autonom und frei, sondern ist vom Funktionieren des „Superorganismus“ abhängig und muss daher permanent zu dessen Erhalt beitragen.

Aus naturwissenschaftlicher Perspektive muss das Aufkommen komplexer Kulturen tatsächlich als Sprung des Organisationsniveaus des Lebens, also als ein evolutionäres, naturhistorisches Ereignis verstanden werden. In der Biologie spricht man dabei von einer Major Transition.

Kulturen begannen als Systeme miteinander in Konkurrenz zu treten, wobei sich stets die effizientere durchsetzte. Dieses kulturelle Wettrüsten trieb seither die Geschichte voran. Der Mensch hatte auf die Entwicklung daher nie einen signifikanten Einfluss, sondern war ihr ausgeliefert. Das ist der Grund, warum immer aufwändigere Gesellschaften entstanden, in denen der Mensch zunehmend unter Stress litt und an Lebensqualität einbüßte.

In künftigen Blog-Beiträgen werde ich einzelne Thesen oder interessante Themen aus dem Buch herausgreifen und besprechen. Auch ausgewählte Literatur wird an dieser Stelle behandelt werden. Dabei wird es aber nicht um reine Buchbesprechungen gehen. Vielmehr werde ich meine Gedanken zum jeweiligen Buch äußern und auf Informationen oder Argumente eingehen, die mir wichtig oder interessant erscheinen.

Seien Sie gespannt.